Archiv des Autors: Sven

Zwiebelfisch-Watch: Herr Sick und seine Probleme mit der englischen Sprache

Willkommen zu einem neuen Feature auf Bla3.de: Zwiebelfisch-Watch!

In dieser Serie werden wir gelegentlich Fehler in Bastian Sicks (unverdienterweise) populären Kolumne aufdecken. Herr Sick hat nämlich vor allem eins nicht: Ahnung von Sprache. Das ist nicht verwunderlich, wenn wir uns seine Kurzbiographie anschauen:

Geboren in Lübeck. Studierte Geschichtswissenschaft und Romanistik in Hamburg; war schon als Lektor und Übersetzer der deutschen Sprachverwirrung auf der Spur. Von 1995 bis 1998 arbeitete er als Dokumentationsjournalist beim SPIEGEL-Verlag, seit Januar 1999 bei SPIEGEL ONLINE.

Bermerkenswert: Herr Sick studierte Geschichtswissenschaft und Romanistik. Nicht: Sprachwissenschaft. Zwar möchte man hoffen, dass er während des Romanistik-Studiums ein wenig Sprachwissenschaft hat belegen müssen, das ist aber leider unwahrscheinlich. Danach war er dann Lektor, Übersetzer, Journalist. Alles Berufe also, die irgendwie mit Sprache zu tun haben, aber wenig systematisch über Sprache reflektieren. Wie es … nun, Sprachwissenschaftler tun. Deshalb nun unsere neue Serie.

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Die Macht der Mehrheit

Einer meiner (zahlreichen) Mitblogger hat kürzlich in diversen sozialen Medien auf diesen Artikel verlinkt (in nicht unbedingt positiver Art und Weise). Ich halte die meisten der Aussagen da für bloße Panikmache (Street View! Gmail Werbung! …), und der generellen Vorschlag des Artikels ist selbst für mich zu kommunistisch. Aber. Folgender Absatz ist dann doch etwas, dem ich zustimmen mag:

Die „richtige“ Antwort bei Google ist die, die am häufigsten gegeben wurde. In 80 Prozent aller Fälle dürfte das kein Problem sein, weil sich in den ersten zehn Suchergebnissen eine eindeutige Antwort findet. Aber in den weniger eindeutigen Fällen kann die Mehrheitsmeinung gegenüber der Minderheitenposition bevorzugt und so gefestigt werden. So verstärkt Google den Trend zu einer Welt, die immer einförmiger wird, je mehr sie zusammenwächst.

Auch das ist sicher ein wenig Panikmache. Dennoch: Ich erinnere mich an die Zeit als Amazon.de zum ersten Mal verkündete: „Kunden, die XXX gekauft haben, waren auch an YYY interessiert.“—meine erste Reaktion (die noch immer anhält) war Folgende: Wenn ich nur lese, was andere, die das lesen, was ich lese, ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich etwas Neues, Interessantes entdecke, recht gering. Bei Amazon hatte ich die einfache Möglichkeit, den aufdringlichen Ratschlag zu ignorieren—bei Google habe ich das nicht.

Ein Beispiel: Kürzlich wollte ich die Website des Philosophen Kissine finden. Google versuchte hilfreich zu sein, und zeigte mir Treffer, die das Wort „kiss“ enthalten. Und dies war nicht ein Fall von „meinten Sie …“—Google (bzw., ihr statistisches Modell) entschied einfach, dass ich ich am Küssen interessiert sein muss.

So, die Kritik hier ist nicht unbedingt, dass Google zuviel Macht hat, die es missbrauchen kann (obwohl auch das einen Gedanken wert ist), sondern einfach, dass (einfache) statistische Modelle schnell interessante Daten ausblenden können, die anderweitig sehr relevant wären. In einer Zeit, in der etwas, das nicht googlebar ist als kaum existent angesehen wird, ist das sicher etwas, über dass man sich Sorgen machen darf.

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Gleich und gleich gesellt sich gern—aber bitte unter eigenem Namen.

Ich möchte hier ein momentan gänzlich unaktuelles Thema anschneiden—zumindest nicht aktuell in Deutschland.

Das Thema ist das, was im englischsprachigen Raum zunehmend als marriage equality (Ehe- oder Heirats-Gleichberechtigung, manchmal auch ‚gleichberechtigte Ehe‘ genannt) bezeichnet wird. In Deutschland ist die Thematik unter dem Namen Homo-Ehe bekannt. Dieser Begriff ist, meiner Ansicht nach, noch um einiges schlechter als der, der vor der Einführung des Begriffes marriage equality im englischsprachigen Raum dominant war: gay marriage („schwule Ehe“ oder „homosexuelle Ehe“).

Das mag nun nach Wortklauberei klingen, oder auch nach Political Correctness. Tatsächlich finde ich aber, dass die Bezeichnung hier einen Unterschied macht. Und das stellt eine 180-Grad-Wendung meinerseits zu diesem Thema dar. Bevor ich darauf eingehe, will ich kurz die Frage beantworten: „Was hast Du gegen den Begriff Homo-Ehe?“ Die Frage ist am einfachsten beantwortet mit einem Zitat des US-Bundesrichters Vaughn R. Walker, in seiner Urteilsbegründung zu seiner Entscheidung letztes Jahr, dass ein Verbot der „Homo-Ehe“ verfassungswidrig ist:

Das Ziel der Kläger ist nicht die Anerkennung eines neuen Rechts. Wenn man das Ziel der Kläger als „das Recht auf gleichgeschlechtliche Ehe“ bezeichnen würde, würde man andeuten, dass die Kläger ein Recht verlangen, das sich von dem unterscheidet, dass heterosexuelle Paare überall in diesem Staat haben — nämlich, das Recht, eine Ehe einzugehen.

[Quelle, Übersetzung SL]

Dem ist wenig hinzuzufügen.

Noch vor drei Jahren hätte ich vermutlich achselzuckend auf die Frage reagiert, was ich von der Homo-Ehe halte. Oder ich hätte angemerkt, dass ich generell denke, dass die Ehe eine veraltete Institution ist, begründet in einer Zeit in der wenige Leute älter als 30 wurden, und die generell mehr Schmerz und Probleme verursacht, als sie Gutes erzeugt. Ich hätte zugefügt, dass ich generell denke, dass niemand heiraten sollte, ausser aus steuerlichen oder Einwanderungs-Gründen.

Ich stehe zu dieser Einschätzung, und zu dem Ratschlag. Man mag daraus schliessen wollen, dass ich „eingetragene Lebenspartnerschaften“ als ausreichende Gleichstellung betrachte, insofern alle Vorteile, die Eheleute haben, auch gleichgeschlechtlichen Paaren zukommen. Damals hätte ich dem sicher zugestimmt. Heute nicht.

Ja, es macht einen Unterschied, ob die Partnerschaft nun als „Ehe“ bezeichnet wird oder nicht. Gleichgeschlechtlichen Paaren diese Bezeichnung zu verwehren impliziert, dass ihre Beziehungen nicht gleich viel wert sind als die von Paaren unterschiedlichen Geschlechts. Oder zumindest, dass ihre Beziehungen anders sind. Das sind sie nicht, jedenfalls nicht in irgendeinem relevanten Sinn.

Deshalb: Solange heterosexuelle Paare das Recht haben zu heiraten (und ja: Ich bin dafür, dass Ihnen dieses Recht genommen wird), sollten homosexuelle Paare dasselbe Recht haben.

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